Essay ‘Gorch Fock’ – Friedliche Botschafterin in Weiß

“Gorch Fock” – Friedliche Botschafterin in Weiß –

Essay von Ingrid Lockowandt
7. April 2019
Tiburon, California, USA

Es ist kurz nach Mitternacht. Eine sanfte Brise weht vom offenen Fenster in mein Atelier. Vor mir auf der Staffelei steht das unvollendete Gemälde des großen Segelschiffes “Gorch Fock”. In tiefer Versunkenheit habe ich stundenlang an dem Gemälde des Dreimasters gearbeitet, der eine einmalig schöpferische Anziehungskraft besitzt. Die “Gorch Fock” ist eines der berühmtesten und schönsten Segelschiffe der Welt, und sie hat mich völlig in ihren Bann gezogen.

Um in Abgeschiedenheit und Stille zu arbeiten, habe ich das Atelier seit Wochen nicht verlassen. Ich suche die Einsamkeit, die Abgrenzung von der Außenwelt, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die Kunst.

Es ist totenstill, nur Nebelhörner klingen aus der Ferne herüber. In unterschiedlichen Zeitintervallen geben sie laute und tiefe Töne ab. Fünf Nebelhörner sind an der Golden Gate Brücke befestigt und haben Hunderttausende von Schiffen sicher durch die turbulenten und gefährlichen Strömungen der Golden Gate Meerenge geleitet. Zur Zeit des Kalifornischen Goldrausches erhielt die Buchteinfahrt um 1846 ihren Namen “Golden Gate”, eine 1,6 Kilometer breite natürliche Einfahrt zur Bucht von San Francisco. Die Nebelhörner warnen die Menschen in San Francisco, wenn die Stadt in dichten Nebel gehüllt ist. Für diejenigen, die in Hörweite der Golden Gate Brücke wohnen, ist der vertraute tiefe Klang der Nebelhörner wie schöne Hintergrundmusik. Ich habe mich in den vielen Jahren, die ich in San Francisco lebe, daran gewöhnt höre sie nicht mehr, es sei denn, ich denke darüber nach.

Konzentriert betrachte ich die Malvorlage und studiere die verschiedenen Gelbtöne und Schattierungen des Klüverbaumes. Ich mische die Acrylfarben auf der Palette, lade die Farbe auf den Pinsel und breite sie schnell auf der Leinwand aus. Da Acryl schnell trocknet, sprühe ich die Farben auf der Palette immer wieder mit Wasser ein, um ein Austrocknen zu verhindern.

Geduldig arbeite ich an dem großen schwarzen Sicherheitsnetz, dem sogenannten Klüvernetz, das verhindert, dass die Seemannschaft während der Arbeit am Klüverbaum ins Meer fällt. Mit einem sehr feinen Pinsel male ich die dünnen Linien des Netzes. Das Klüvernetz ist eines der Lieblingsplätze der Kadetten, die sich gelegentlich unbeobachtet ins Netz legen, um ein paar Minuten allein und in Ruhe das Rauschen der Wellen zu genießen.

Ich lehne mich zurück, blinzle mit den Augen und betrachte aus der Distanz den Abschnitt, den ich gemalt habe. Das hinausragende Rundholz des gelben Klüverbaums zeigt wie ein Pfeil schräg nach oben in den blauen Himmel, in Richtung der Kieler Stadtsilhouette.

In der Stadtsilhouette von Kiel ist der große blaue Portalkran das Wahrzeichen der Kieler Werftlandschaft. Ich wollte die markanten Kieler Wahrzeichen, den Kran und die “Gorch Fock”, malerisch so darstellen, als wären sie zwei alte Freunde, die sich über die Kieler Förde begrüßen.

In Kiel geboren, nahm mich meine Großmutter schon als kleines Mädchen mit zu ihrer Arbeitsstelle. Sie arbeitete in dem damaligen Landwirtschaftsministerium in Kiel-Düsternbrook, das direkt an der Kieler Förde lag. Auf dem Vorplatz des Ministeriums stand wie auch heute noch die lebensgroße massive Bronzestatue des berühmten Springpferdes “Meteor”.

Da meine Großmutter mit ihrer Arbeit beschäftigt war, wartete ich in einem der leeren Büroräume. Neugierig begutachtete ich die Sachen auf dem Schreibtisch und entdeckte scharf angespitzte Bleistifte. Ich fand ein leeres Blatt Papier und ging zum Fenster. Vor mir lag die wunderschöne Kieler Förde, und ich genoss die herrliche Aussicht. Etwas weiter links an der Blücherbrücke entdeckte ich das große weiße Segelschiff, die “Gorch Fock”. Der Dreimaster hob sich majestätisch im Hafenbild ab. Ich konnte mich nicht sattsehen an der “Gorch Fock”, so ergriffen war ich von ihrer Schönheit. Ich zeichnete eine einfache Skizze, die ich dann mehr detailliert ausarbeitete. Verträumt schaute ich hinüber zum Schiff, wie gerne würde ich auf der “Gorch Fock” auf eines der großen Weltmeere hinaussegeln. Als die Zeichnung fertig war, konnte ich es kaum erwarten, sie meiner Großmutter zu zeigen und ihr zu sagen, dass ich Künstlerin werden wollte.

Es ist fast zwei Uhr morgens, im Radio spielt elektronische Dancemusic meines Lieblingssenders KCRW in Santa Monica, Kalifornien. Ich male die Gallionsfigur der “Gorch Fock”, den wunderschönen goldenen Albatros, der stolz ihren Bug ziert. Der sechs Meter lange stilisierte Albatros hat geschwungene Flügel und einen stark nach unten gebogenen Schnabel. Sein Blick richtet sich auf den Horizont, so wie es die Marinetradition bestimmt, um dem Schiff eine gute Reise zu sichern. Gallionsfiguren waren die Seele ihres Schiffes, im Aberglauben der Seeleute soll die Figur den Kurs des Schiffes im Auge behalten und Feinde einschüchtern.

Eingehend betrachte ich die Formen und Farben des in der Sonne glänzenden Albatros. Auf der Palette mische ich verschiedene Gelbtöne mit Ocker und helle die Farben mit etwas Weiß auf, bis ich den gewünschten Ton habe.

Es scheint, dass meine Faszination für die “Gorch Fock” tief in mein Bewusstsein eingedrungen ist, denn ich habe von ihr geträumt. In meinem Traum befand ich mich in einem Boot auf offener See, als der Passatwind ein großes Segelschiff über das blaue Meer vor mich schob. Als ich aufwachte, konnte ich es nicht glauben, dass die “Gorch Fock” in meinen Traum gesegelt ist. Sie war die erste große Liebe von Tausenden junger Menschen, und niemand auf dem Schiff konnte sich ihrem Zauber entziehen. Sie wird auch die “friedliche Botschafterin in weiß” genannt. Es war ein wunderschöner Traum mit einem glücklichen Ende, denn ich hatte sie nach Jahrzehnten endlich wieder gesehen.

Es ist drei Uhr morgens. Ich lausche und nehme den vertrauten Klang der Nebelhörner in San Francisco wieder wahr. Meine Augenlider sind schwer; müde reinige ich die Palette und wasche gründlich die Pinsel in warmem Seifenwasser. Ich lasse das Wasser über meine Handgelenke laufen. Mein Nacken schmerzt. Ich atme tief durch, die Welt ist friedlich und frei.

Ingrid C. Lockowandt
“Gorch Fock”, Kiel
30 x 40 inches I 76 x 101 cm
Acryl auf Leinwand (2019)

Erworben von Kiel-Marketing e. V. / GmbH
Das Gemälde “Gorch Fock”, Kiel, wird im Oktober im neuen “Welcome Center” in der ehemaligen Hauptpost, Stresemannplatz für die Öffentlichkeit zu sehen sein.